Musique in Aspik

»Jedes Lied soll ein eigenes Klanguniversum sein«

Vor drei Jahren hat in Augsburg ein Künstlerduo zusammengefunden, das sich dem deutschen Volkslied verschrieben hat. Das ist ein – für seine Musikergeneration – hierzulande eher seltenes Phänomen. Umso spannender zu erfahren, was Petra Küfner und Markus Wangler zu diesem Programm inspiriert hat und was genau hinter Musique in Aspik steckt.


von Evi Heigl

Das Volksweltmusiklyrikduo aus Augsburg: Musique in Aspik
 
 
Welches Programm macht ihr mit Musique in Aspik?
 
Petra: Wir haben deutsche Volkslieder aus verschiedenen Jahrhunderten hergenommen und sie ganz neu bearbeitet. Dazu verwenden wir unterschiedlichste Instrumente wie Ukulele, Flöten, Akkordeon, Gitarre, Cajon, auch einen Looper …
 
Markus: Das Ganze darf auf jeden Fall aktuell klingen. Wir nehmen zwar Lieder aus früheren Jahrhunderten her, aber wir machen schon »gegenwärtige« Musik.
 
Petra: Mich hat’s einfach wahnsinnig gereizt, mit diesen alten Texten und Melodien kreativ umzugehen und aus dem Bauch raus zu spüren: Was steckt hinter der Aussage eines Textes, was macht das mit mir? Und dann überlegt man die Instrumentierung, baut das Lied auseinander und wieder zusammen. Dabei ist uns wichtig, dass man kein Schindluder mit den Liedern betreibt, sondern ihre eigentliche Aussage unterstützt. Jedes unserer ausgewählten Lieder ist wie ein Edelstein, was Besonderes. Keines soll gleich klingen, jedes Lied soll ein eigenes Klanguniversum sein.
 
 
In eurem Programm hört man Lieder wie Horch, was kommt von draußen rein, Zum Tanze, da geht ein Mädel, Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß geh’n ... Wer sucht die Lieder aus?
 
Markus: Zum Teil gemeinsam, aber oft du, Petra.
Petra: Ich stöbere viel in Büchern, wir haben von lieben Freunden Lieder bekommen, wir schauen, was andere Bands so machen … Also ganz bunt. Manchmal kommen auch Wünsche und Vorschläge aus dem Publikum.
 
 
Wenn Petra nun mit einem Lied aufkreuzt, akzeptierst du da immer alles, Markus?
 
Markus: Das sind manchmal echt harte Kämpfe. Bei manchen Liedern denkt man erst mal, das ist total abgedroschen oder furchtbar. Dann kommt ein hartes Ringen, eine Phase des Probierens, und manchmal kommt dann was Gutes raus oder es wird verworfen. Bei den Bergvagabunden, die ich nur von Heino her kannte, dachte ich am Anfang »ojemine!« Aber man kann immer auf dem sicheren Pfad gehen oder halt auch mal was wagen. Dann stürzt man vielleicht ab oder es kann auch was Gutes dabei entstehen. Wir haben es »gewagt« und es ist, wie ich finde, eine stimmige, berührende Version entstanden.
 

 
Passiert das Aussuchen der Lieder nur in der Diskussion oder auch mit Instrumenten?
 
Markus: Eigentlich schon musikalisch. Die Petra singt mir was vor, meist mit der Ukulele begleitet und dann probier ich halt mit Gitarre oder Akkordeon, was mir spontan dazu einfällt. Da gibt’s halt dann auch ganz unterschiedliche Versionen. Manche nehmen wir auf, manche werden auch wieder verworfen, wenn’s nicht ganz stimmig ist oder dem Lied entgegenläuft.
 
Petra: Wir wollen übrigens nicht um jeden Preis einem Lied moderne Rhythmen aufdrücken, um ihm einen anderen Anstrich zu verpassen. Die Elemente tauchen vielleicht auf, indem eine Gitarre rockiger gespielt wird oder vielleicht Anklänge von einem Tango spürbar sind.
 
Markus: Ich vermute mal, dass manche, die die alten Lieder nur »verbluesen« oder »verjazzen«, das tun, weil sie nicht wirklich dahinter stehen. Sie brauchen dann den Blues oder den Jazz, um sich zu distanzieren. Das wollen wir nicht. Wir versuchen möglichst zu verstärken, was das Lied aussagt.
 
 
Petra Küfner, gelernte Grundschullehrerin mit Schwerpunkt Musik und Theater und diversen Zusatzausbildungen in diesen Bereichen, spielte schon früh in einer irisch-bretonischen Folkgruppe und später in einer Comedy-Rockband. Sie liebt alles Kreative, was mit Gesang, Tanz und Musikperformance zu tun hat.

Petra Küfner, gelernte Grundschullehrerin mit Schwerpunkt Musik und Theater und diversen Zusatzausbildungen in diesen Bereichen, spielte schon früh in einer irisch-bretonischen Folkgruppe und später in einer Comedy-Rockband. Sie liebt alles Kreative, was mit Gesang, Tanz und Musikperformance zu tun hat.
 
 
Welche Erfahrungen habt ihr mit den Texten gemacht? Kommt ihr da mit allem zurecht?
 
Markus: Ich finde, dass die meisten Texte universal sind und früher wie heute gelten. Viele haben eine schöne, poetische Sprache.
 
Petra: Interessant ist auch, wie mit den Liedern umgegangen wurde. Das ist für mich ganz spannend beim Hänschen klein zu sehen: Bei dem wurden einfach drei Strophen mir nichts, dir nichts auf eine Strophe verkürzt und damit die Aussage ins Gegenteil verkehrt, Stichwort: »Helikoptereltern«. Diese Geschichten erzählen wir natürlich im Programm. Und wir stellen bei den Ansagen gerne auch Beziehungen zur Jetztzeit her. Mir ist es wichtig, dass die Zuhörer einen Bezug zu ihrem momentanen Lebensumfeld herstellen können.
 
 
Seid ihr bei euren Liedrecherchen auf Dinge gestoßen, mit denen ihr nicht gerechnet hattet?
 
Petra: Ja!
 
Markus: Ziemlich oft!
 
Petra: Ich fand jetzt ganz aktuell bei Verstohlen geht der Mond auf sehr eigenartig, was da für Wörter verwendet werden, Begriffe, die ganz viel Symbolik in sich tragen: »blau Blümelein« und »Rosen im Tal, Mädel im Saal«, solche Sachen. Aber dann sind’s schon auch so spannende Gedanken: Warum haben die Menschen damals auch traurige Themen oftmals in lustige Melodien verpackt, z.B. bei Horch, was kommt von draußen rein? Vielleicht braucht man im Leben einfach auch fröhliche Lieder, um schwere Themen zu verarbeiten.
 
 
 
Was hat euch denn so grundsätzlich zu diesem Programm inspiriert? Ihr kommt ja ursprünglich aus ganz anderen musikalischen Richtungen.
 
Petra: Uns haben unsere türkischen Musikerfreunde mit ihren poetischen Volksliedern inspiriert. Und 
die Erfahrung, dass bei ihren Liedern immer wie selbstverständlich mitgesungen wird. Und zwar alle Strophen! Während das deutsche Publikum bei uns im Konzert immer wieder bestätigt, dass wir leider oft nur eine Strophe von unseren Liedern kennen. 
Was uns auf jeden Fall auch inspiriert hat und genau darüber Aufschluss gegeben hat, war der Film Sound of Heimat*. Es ist so interessant, diese deutsche Volkslied-Thematik aus der Sicht eines Nicht-Deutschen aufbereitet zu sehen.
 
Markus: Schön auch dieses unverkrampfte Zugehen – in diesem Fall eines Neuseeländers – auf die deutschen Lieder, wie ich’s ja selber auch nicht kannte.
 

Was denkt ihr denn, woran das liegt, unser »verkrampfter« Umgang mit dem Volkslied?
 
Petra: Da gibt’s schon einige Gründe … Einmal sicher, dass die alten Lieder beim Musikantenstadl oder durch irgendwelche Schlagersänger so verhunzt und verschmalzt werden, dass vielen Leuten die Lust drauf vergeht. Und ganz wichtig ist, glaub ich auch, dass man im NS-Regime diese Lieder oft missbraucht hat mit der Betonung des »deutschen Liedgutes«, und dass man jetzt nichts anderes mehr singen dürfe. Ich glaube, deswegen sind viele sehr, sehr skeptisch und haben als Deutsche ein eher schwieriges Verhältnis zu unseren deutschen Volksliedern.
 
Markus: Das ging mir ja selber auch so, muss ich sagen. Ich hab auch erst durch die Beschäftigung damit gesehen, welche tollen Lieder es gibt! Auch tolle Texte. Aber bei vielen Leuten fällt erst mal die Klappe runter, wenn’s ums »Volkslied« geht. Und es ist blöd, dass man sich dafür erst mal rechtfertigen muss und sagen muss, dass das schön sein kann.
 
 
Wer ist denn euer Publikum?
 
Petra: Ganz unterschiedlich! Vorgestern bei dem Gartenkonzert waren’s viele junge Leute. Und die waren auch ganz gebannt. Und dann aber auch ältere Leute, die alte Volkslieder noch kennen. Also die ganze Bandbreite.
 
 
Markus Wangler, der Gitarre, Klarinette, Saxofon und später Akkordeon gelernt hat, hörte früher härtere Rockmusik, war aber schon immer neugierig auf allerlei Arten von Musik. Seine Bühnenerfahrung machte er in verschiedenen Bandformationen diverser Musikrichtungen.

Markus Wangler, der Gitarre, Klarinette, Saxofon und später Akkordeon gelernt hat, hörte früher härtere Rockmusik, war aber schon immer neugierig auf allerlei Arten von Musik. Seine Bühnenerfahrung machte er in verschiedenen Bandformationen diverser Musikrichtungen.
 
 
 
Ihr könnt aber beobachten, dass ihr – trotz aller Vorbehalte bei manchen Zeitgenossen – euren Weg und entsprechende Akzeptanz findet.
 
Petra: Die Leute spüren, dass uns das, was wir machen, am Herzen liegt und wir das auch ernst meinen. Wir verulken’s nicht. Und dann kommt die Tatsache dazu, dass wir die Lieder zwar ernst singen, aber dass da immer so ein kleines Augenzwinkern mit drin ist. Übrigens: Manche unserer türkischen Freunde haben sich total in die deutschen Volkslieder verliebt und einige spielen sie jetzt sogar selber!
 
 
Jetzt heißt unser aktuelles »zwiefach«-Themenheft ja »Mitten im Leben«. Würdet ihr euch wünschen, dass das deutsche Volkslied wieder mitten in unserem Leben ankommt?
 
Markus: Eigentlich schon. Aber ich glaube, das wird es eh.
 
Petra: Abgesehen davon, ob’s wird oder nicht – wir beobachten einen tollen Nebeneffekt. Es war ursprünglich nicht geplant, da jetzt eine Mission draus zu machen. Sicher nicht. Da war bei mir ganz im Vordergrund dieser Spaß am Kreativsein-Dürfen. Und jetzt haut’s uns regelmäßig aus den Socken, wenn wir mitkriegen, was damit plötzlich ins Rollen kommt und wie sich die Menschen von den Liedern berühren lassen. DAS finden wir toll! Wir finden inzwischen unsere deutsche Liedgeschichte so, so spannend! Und da würden wir schon sehr gerne die anderen daran teilhaben lassen. Das sind ja schließlich unsere Wurzeln …
 
*Sound of Heimat ist ein musikalisches Roadmovie, das den neuseeländischen Musiker Hayden Chisholm auf seiner Reise quer durch Deutschland eine erstaunliche musikalische Vielfalt entdecken lässt und aus moderner Perspektive auf die traditionelle deutsche Musik blickt. www.soundofheimat.de
 
 
 
 
(aus: »zwiefach« 59/5, 2016, 19–21)